Archiv für April 2011

Heimspiel für den Welterklärer

Der umstrittene Publizist Thilo Sarrazin zu Gast in der Kirche Sankt Moritz in Halberstadt

Von Oliver Schlicht
Der umstrittene Publizist Thilo Sarrazin füllte am Donnerstag die Halberstädter Kirche St. Moritz bis auf den letzten Platz. Das Publikum spendete seinen ausländerkritischen Thesen viel Beifall. Die Moderatoren unterbrachen die langen Ausführungen Sarrazins nicht. Beide Pfarrer stellten zwar Fragen, waren den Anforderungen eines kritischen Disputs aber nicht gewachsen.

Halberstadt. Ein Hauch von Konspiration weht durch die Altstadt von Halberstadt. Kleine Grüppchen der Generation 60 plus spazieren am frühen Abend wie verabredet alle in die gleiche Richtung: Sankt Moritz. In den Gassen rund um den romanischen Kirchenbau lehnen Polizisten zuhauf lässig an ihren Dienstwagen, behalten die Damen und Herren aber im Auge: Nein, die sehen nicht nach Ärger aus. Die linken Antifaschisten – sonst treue Gäste bei Sarrazin-Lesungen – sind heute offenbar verhindert. Und die rechten Nationalisten sehen fern oder grillen. Kein NPDFähnchen weit und breit.

Eine Stunde noch.Vor der verschlossenen Kirchentür hat sich eine zehn Meter lange Schlange gebildet. Ein Horst ruft über die Köpfe hinweg nach Heinz. Der hat Frieda im Schlepptau. Wo Günther ist, weiß Heinz auch nicht, ruft er zurück. Dann doch noch eine polizeiliche Maßnahme. „Bitte treten Sie zurück und verlassen die Fahrbahn!“, ruft der Einsatzleiter persönlich, als ein Pkw an der Vorbeifahrt gehindert wird. Langsam aber geordnet ruckelt die Schlange brav von der Gasse in Richtung Kirchenwand.

Die Tür geht auf. In der Kirche noch eine Schlange. Die Gäste sind registriert. Nur wer angemeldet ist, kriegt ein kleines Zettelchen. Freundlich begrüßt Pfarrer Harald Kunze die Gäste. Er wird gemeinsam mit Pfarrer Hartmut Bartmuß den heutigen „Halberstädter Abend“ – so der Titel der Talk-Reihe – mit Thilo Sarrazin moderieren.

Schnell füllen sich die Kirchenbänke der vorderen Reihen. Unauffällig am Rand steht eine ältere Dame von der Gemeinde und schaut die hereinströmenden Besucher an. Sie ist dieser Typ Frau, dem man ohne Bedenken zum Bibelabend die Organisation des Kuchenbuffets überlässt. Doch heute hat sie eine andere Aufgabe: Sie sucht Faschisten. Noch hat sie keinen gefunden. Nichts soll den Eindruck zulassen, dass hier etwa Rechte willkommen seien.

Auf der Suche nach Käufern in der Kirche sind Cornelia Bürger und Wiebke Borschinsky von der Halberstädter Buchhandlung Schönherr. Etwa 50 Sarrazin-Wälzer mit dem Titel „Deutschland schafft sich ab“ liegen vor den jungen Damen auf dem Verkaufstisch. Und? Selbst mal gelesen? „Nö“, antworten beide und kichern. „Wir lesen eher die gehaltvolleren Sachen, die sich nicht so gut verkaufen. Das hier verkauft sich ja von allein“, sagen sie zur Entschuldigung. Genau 1,2 Millionen Bücher wurden bis Jahresbeginn nach Angaben des Verlages an den Buchhandel ausgeliefert. Kürzlich wurde die 16. Auflage gedruckt. Wahrlich ein Bestseller.

Hier in der Kirche haben das bestimmt alle gelesen. „Wir haben es verschenkt, konnten es aber noch nicht zurückborgen“, erzählt ein älteres Ehepaar, das den Namen lieber nicht nennen will. „Aber die Thesen von ihm sind ganz o.k. Das ist ein mutiger Mann“, sagt sie, und er nickt. Ein paar Reihen weiter sitzt Barbara Baecke. „Ich habe das nicht gelesen und sehe das, was Sarrazin sagt, auch sehr kritisch.“ Fremdenfeindlichkeit, sagt sie, habe in erster Linie mit sozialer Not zu tun. Ganz anders die Einschätzung eines Herrn aus Thüringen, der nur arbeitsbedingt in Halberstadt weilt. „Die Besatzungsmächte haben nach dem Krieg beschlossen, dass Deutschland ein Mischvolk werden muss. Und die Politiker setzen das jetzt heimlich um“, glaubt der Mann, der seinen Namen auch lieber für sich behält. Hat er das von Sarrazin? „Ich habe sein Buch nicht gelesen, aber viele andere Bücher“, so der thüringische Gast mit geheimnisvoll abgesenkter Stimme.

Trubel am Eingang. Die Faschisten-Falle hat zugeschnappt. Männlich, kurze Haare, Deutschlandfahne als Aufnäher und ein T-Shirt Marke Eigendruck: „Danke Thilo Sarrazin!“, steht drauf. Ganz verdächtig: Der Mann wollte ein selbst gemaltes Schild mit in die Kirche bringen. Aufschrift: „Meinungsfreiheit bewahren (Artikel 5 GG)!“ Lautstarke Diskussion, dann erscheint der groß gewachsene Pfarrer Hartmut Bartmuß in der Menge und fährt mit donnernder Stimme dazwischen: „Ich erteilen Ihnen hiermit Hausverbot. Meine Herren, tun Sie Ihre Pflicht!“ Sagt es und entschwindet. Zwei Polizisten in Zivil geleiten den Mann nach draußen.

Er heißt Manfred Bez und kam extra aus dem thüringischen Bad Frankenhausen angereist. Personenkontrolle. Die Polizei hat einen „Gefangenen“. Aber so richtig gefährlich sieht der nicht aus. NPD? „Quatsch. Ich mach‘ doch nur bei ‚Bürger in Wut‘ mit.“ Was auch immer das ist: Der Mann ist da jetzt richtig. Manfred Bez ist stinksauer. „Schei …!“ Er, der größte Fan von Thilo Sarrazin, steht draußen, und drinnen geht die Party los.

Der Star des Abends war in zwischen angekommen: Dicker BMW, Chauffeur, eigener Personenschutz. Gleich beginnt der Gesprächsabend. Noch spielt die Gemeinde-Combo. Eine sympathische Truppe mit Bläsern und Sängerin. Softrock mit einer Prise Jesusbeat. Pfarrer Harald Kunze ist auch Bandmitglied. Er spielt das E-Piano. Kein leichter Job an diesem Abend. So als Moderator den Sarrazin hart rannehmen und dann Sekunden später einen flotten Popsong in die Tasten hauen. Doch er bekommt das gut hin – das mit den Tasten.

Tosender Applaus. Der Stargast betritt die Bühne, umrahmt von den beiden Pfarrern Kunze und Bartmuß. Thilo Sarrazin: Ex-Finanzsenator von Berlin, Ex-Bundesbanker und vielleicht auch bald Ex-SPDPolitiker. Gründonnerstag findet in Berlin vor der SPDKreisschiedskommission die erste Anhörung zu seinem Parteiausschlussverfahren statt. Doch das ist nächste Woche. Jetzt hier in Halberstadt auf der Bühne in der vollbesetzten Kirche ist Sarrazin ein König. Getragen von der Sympathie des überwiegenden Teils der 420 Besucher. Erprobt in 50 ausverkauften Lesungen in den vergangenen sechs Monaten, spult der Politprofi sein Programm ab. Mit Erfolg. Wer zu Sarrazin geht, will ihn feiern. Heimspiel für den Welterklärer auch in Halberstadt.

Er kritisiert die Immigrationspraxis in Deutschland und den Missbrauch von Sozialleistungen. Er jongliert zu diesem Themen mit Euro-Beträgen, die an die nichtarbeitende Berliner Türken-Bevölkerung ausgezahlt werden. Dem Halberstädter Rentner bleibt die Spucke weg.

Sarrazin erzählt auch gern und viel über den Menschen an sich. Nicht, dass vieles davon nicht richtig wäre. Aber der aufmerksame Zuhörer fragt sich irgendwann: War es wirklich eine gute Idee, Opas Arierpass wegzuwerfen?

Intelligenz sei zu 50 bis 80 Prozent vererbbar. Deshalb hat auch die Bildungspraxis der DDR, Arbeiterkinder bevorzugt an Universitäten studieren zu lassen, nichts gebracht. „Es gab 1990 an West-Universitäten mehr Arbeiterkinder als an DDR-Universitäten“, sagt Sarrazin.

Er rechnet vor, wieviel Italiener als Gastarbeiter zwar gekommen, aber auch wieder gegangen sind. Schnell ist klar: Die Italiener sind die guten Ausländer im Sarrazin-Kosmos. Auch die Russlanddeutschen sind nicht so das Problem. Nur die Türken werden einfach immer mehr. Lauter Applaus.

Und die Muslime sind wegen ihrer kulturellen Herkunft und nicht wegen ihrer Gene weniger arbeitsfreudig als wir Deutsche. Und es gibt durchaus so etwas wie eine spezielle Juden-DNA. Und Politiker treffen generell aus Machtgründen nur Entscheidungen, die übersichtlich in einer Legistraturperiode umsetzbar sind. Und freie Medien sind nicht zwangsläufig wahre Medien. Und so weiter, und so fort. EinVortrag, ein Monolog – über zwei Stunden lang.

Durchaus nicht uninteressant, aber sicher kein Gespräch. Pfarrer Kunze liest Fragen wie ein Schulbub Wort für Wort vom Blatt ab und lehnt sich dann erleichtert nach hinten, weil er seine zwei Sätze fehlerfrei vorgetragen hat. Fast scheint es, als sei er froh, jetzt 20 Minuten lang nicht mehr dran zu sein. Pfarrer Bartmuß hat seine vorformulierten Fragen immerhin auswendig gelernt. Das gibt Fleißpunkte. Er blickt nach jeder gestellten Frage triumphierend ins Publikum, so als wolle er fragen: Na, habe ich da nicht eine kluge Frage vorbereitet?

Leider kaum. Und wenn doch, kümmert das Sarrazin nicht die Bohne. Es perlt einfach an ihm ab. Selbst wenn die beiden Pfarrer bemüht sind, betont kritische Fragen zu stellen, geht Sarrazin einfach nicht darauf ein, sondern setzt seinen Vortrag fort. Unterbrochen wird er nicht ein einziges Mal. Seine „Antworten“ dauern jeweils 10 bis 20 Minuten.

Dabei liefert Sarrazin viele Steilvorlagen, die jedem aufrechten Christenmenschen das Blut in den Adern gefrieren lassen müssten. Sie bleiben an diesem Abend unwidersprochen. Ein Beispiel: Sarrazin teilt in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder gern Menschen danach ein, wie nützlich sie sind und welchen Wert sie haben. Er bekommt auch dafür Applaus. Da möchte man aufspringen und fragen, wie nützlich ist wohl ein künstliches Hüftgelenk ab dem 70. Lebensjahr?

Der Abend geht zur Neige. Landrat Michael Ermrich (CDU) wird in der zweiten Reihe wiederholt Opfer von Gähn-Attacken. Nein, Sarrazin live zu erleben, war durchaus unterhaltsam. Ein kluger Mann, so viel steht fest. „Die Fakten, die ich in meinem Buch vorgelegt habe, hat bislang keiner widerlegen können“, sagt er mehrfach. Dieser Triumph ist ihm sehr wichtig.

„Das stimmt vielleicht. Nur Fakten sagen gar nichts und alles“, sagt Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie in Wittenberg, der zum Schluss an das Saalmikrofon treten darf: „Es kommt am Ende allein darauf an, was man mit den Fakten sagen möchte.“

Quelle: Volksstimme

Misslungener „Einzug mit Ansage“

Die NPD-Clique um Matthias Heyder und Michael Schäfer sorgte im Vorfeld der Landtagswahlen für einigen Wirbel. Nach eigenen Angaben hat die Partei fast 300.000 Euro für ihren Wahlkampf ausgegeben. Diese Summe mag wohl übertrieben sein, dennoch lässt sich feststellen, dass die Wahlwerbung in diesem Jahr kostenintensiver gewesen sein muss, als für Sachsen-Anhalt üblich.
So konnte der Landesverband in diesem Jahr sogar eigene Plakate drucken lassen und musste nicht, wie sonst, auf die abgetragenen Reste anderer Landesverbände zurückgreifen. In fast allen Dörfern und Städten prangten Slogans wie „Heyder räumt auf!“ und „Raus aus dem Euro!“ an Laternenmasten. Aus Angst vor der Demontage dieser Plakate wurden sie in der Regel so hoch wie möglich angebracht. In vielen Fällen nutzte dies nichts, sodass an manchen Stellen mehrmals plakatiert wurde.

Neben vielen Plakaten, dem Flugzeug und dem Kuchenwagen, sowie dem Wahlkampfmobil, „dass augenscheinlich älter als die meisten Kandidaten ist“ 1(Fehler im Original) hatte die NPD auch multimedial aufgerüstet: Die Internetpräsenz wurde modern gestaltet, das Wahlprogramm gab es als Hörbuch und etliche Youtube-Videos wurden ins Internet gestellt.

Doch aus dem „Einzug mit Ansage“ wurde ein Wahlergebnis mit Absage.

Die Gründe dafür sucht die NPD bei der hohen Wahlbeteiligung von 51,2% – 2006 waren es noch 44% – zum anderen kann es auch an den Ermittlungen des Landeskriminalamtes gegen Junker Jörg liegen. Der kleine Mann mit der Narbe im Gesicht soll nach Angaben von tageschau.de im Internet Bombenbauanleitungen bereitgestellt haben. Diese Anschuldigungen kratzten an der betonten Seriosität Heyders.

Doch trotz dieser und einiger anderer Patzer konnten die „Freunde der nationalen Sache“ insgesamt 45.697 Stimmen für sich gewinnen. Was bedeutet das? Nach wie vor können die Faschisten mit ihren Parolen vom „starken Staat“, von den „kriminellen Ausländern“ und vom „raffenden Kapital“ bei vielen Menschen punkten. Das zeigt sich an den Ergebnissen der Harzer NPD-Kandidaten Thorsten Fleischmann, Tobias Anders und Michael Schäfer.

Halberstadt – Thorsten Fleischmann:
1.046 Stimmen >> 4,4%
1.025 Zweitstimmen >> 4,3%

Blankenburg – Tobias Anders:
1.100 Stimmen >> 4,9%
1.209 Zweitstimmen >> 5,4 %

Wernigerode – Michael Schäfer
1.358 Stimmen >> 5,2%
1.425 Zweitstimmen >> 5,5%

Quedlinburg – Kein Direktkandidat
1.212 Zweitstimmen >> 4,8%

In anderen Wahlkreisen kam die NPD auf höhere Ergebnisse. Im Wahlkreis Nebra verschaffte der Mann mit Vokuhila-Frisur und Zweifingerbärtchen, Lutz Battke, der NPD 8,4 %. In Naumburg erreichte sie auf 6,7 %, in Weissenfels 6,6 %.

Auf der Hompage der NPD Sachsen-Anhalt meldete sich Matthias Heyder erst zwei Tage nach der Wahl zu Wort:
„…die Schlacht ging verloren. Dies ist eine Niederlage…“ gab er zu und vertröstet seine Handlanger auf eine spätere Zeit des Erfolges. Wie das gehen soll, sagt er nicht. Schließlich bleibt nicht nur der Landesverband Sachsen-Anhalt auf den Wahlkampfkosten sitzen.

„Wenn es im politischen Tagesgeschäft nicht mehr um Standpunkte und Visionen für das Land geht, sondern nur noch um möglichst tiefgehende Bespitzelung und Verächtlichmachung des Gegners, dann ist dagegen kaum ein Kraut gewachsen.“2 – bedauerte er. Dabei ist es besonders die NPD, die mit xenophoben Inhalten für eine „Verächtlichmachung des Gegners“, in ihrem Fall „kriminelle Ausländer“ und „Polit-Bonzen“, sorgt. Die Klagen derer, die sich mit dem Wahlergebnis von 2011 nicht abfinden können, ihre menschenverachtende Ideologie jedoch hinter einer heuchlerischen sozialen Fassade versteckt propagieren, stehen im Widerspruch zu den vorher selbst gewählten Mitteln.

Es wird sich zeigen, wie lange Heyder sich noch „Landesvorsitzender“ der NPD nennen darf und was für Überraschungen noch bei den Ermittlungen in der Junker-Jörg-Affäre“ zutage treten. Interessant wird auch, wie weit die NPD in Sachsen-Anhalt angesichts ihrer mehr als schlechten finanziellen Situation noch Veranstaltungen und öffentlichkeitswirksame Aktionen durchführen kann.

1 Matthias Gärtner auf der „Nachrichtenseite“ der NPD – „Kompakt Nachrichten“
2 Matthias Heyder ebd.