Archiv für September 2013

Halberstadt: Rechtsoffenes Konzert am 05.10.2013 im Salut (Update)

Im Rahmen einer „Skins & Punx Action Tour“ sollen am 5. Oktober 2013 im Freizeitklub Salut in Halberstadt die Bands „East End Kids“ (Magdeburg), „Tollschock Therapie“ und „Lost and Found“ (beide aus Wernigerode) auftreten. Ein genauerer Blick auf die Band „Lost and Found“ fördert jedoch Unappetitlichkeiten zu Tage und wirft einige Fragen auf.

„Schönen guten Tag, ‚Lost and Found‘ ist unser Name“

Lost and Found - GrauzonebandDie Musik von „Lost and Found“ mit verzerrten Gitarren, schnellem Tempo und mehr geschrienen als gesungenen Texten lässt sich am ehesten der Musikrichtung „Punk“ zuordnen. Die Skinheads singen über die in ihrer „Szene“ üblichen Themen wie Freundschaft, Gewalt und dem Gefühl „verarscht von allen Seiten“ zu werden. Inhaltlich sind die Lieder vor allem aber von diffusen Wir-Ihr-Konstrukten geprägt. „Wir“ sind die Band und alle, die das gemeinsame Gefühl teilen vom harten Leben benachteiligt zu sein und unterdrückt zu werden. „Ihr“ sind die Feinde, die bekämpft werden müssen, denen alles Schlechte zugeschrieben wird, die verantwortlich für die erlebte Ungerechtigkeit sind. So schwammig und undefiniert lauert der Feind praktisch überall, explizit tritt er aber in Gestalt von Politikern, „politsch Korrekten“ und sogar Skinheads, die angeblich keine sind – weil dem Kommerz verfallen – in Erscheinung.

„Es gibt Niemanden der uns lenkt“

Mit Zeilen wie „wir scheißen auf eure Politik, es gibt niemanden, der uns lenkt.“ (Lied „Die Jungs von Lost and Found“) versuchen „Lost and Found“ den Anschein zu erwecken, sie wären „unpolitisch“. Ihr Politikbegriff beschränkt sich dabei offensichtlich auf das, was direkt mit Staat und Parteien zu tun hat. Mit dem Label „Gegen Political Correctness“ kommt die Band nämlich bestens in rechten Szenekreisen an.

Doch ich scheiß’ auf euch und eure Lügen,
kenne keine Reue werd mich nie betrügen
politisch korrekt, egal von welchem Lager
ich verachte euch, ihr Versager.

Lost and Found - Punk Front SchmidtgardSchon bei der Gründung der Band zeigt sich, dass die Bezeichnung „unpolitisch“ bei den Musikern aus Wernigerode offensichtlich nicht den Tatsachen entspricht. Unter den Gründungsmitgliedern befindet sich neben Maik und Matze der Nazipunker „Schmidtgard“. Der Bassist, der schon vorher durch Angriffe auf vermeintliche Antifaschisten auffiel, verließ nach relativ kurzer Zeit die Band, um nun, in Berlin wohnend, Rechtsrock mit der Nazipunkband „Punkfront“ zu machen.

Lost and Found - Sebastian Icke Mueller ScrewdriverDie Besetzung änderte sich seit Bestehen der Band mehrmals. Für eine Weile spielte „Mont“, jetzt Sänger von „Tollschock Therapie“, den Bass. Zur Zeit bestehen “Lost & Found” aus Sänger Mathias K., der auch Bass spielt, den Gitarristen Stefan W. und Sebastian „Icke” M. sowie Schlagzeuger Maik. Besonders „Icke“ zeigt sich gern im T-Shirt der britischen Neonaziband “Skrewdriver” oder in RAC-Shirts des einschlägig bekannten „Adler-Versands“.

„Wir leben unser Leben, egal ob’s euch gefällt“

Lost and Found - Auftritt im SalutNach ihrem letzten Auftritt im Salut am 19.02.2011 mit „Soifers“ und „Halbstark“ spielten sie am 19.11.2011 mit „Last Riot“ und „Rien ne vas Plus“ in Magdeburg. Die Rechtsrockband „Last Riot“ aus Köthen (die ihre CDs übrigens auch wie „Rien ne vas Plus“ über das Label „Aggressive Zone Records“ des NPD-Stadtrats und Neonazis Patrick Weber aus Sondershausen veröffentlichen) fiel zuletzt in der Region durch die Beteiligung an der Veranstaltung „Free my land Vol.1″ am 29.09.2012 in Nienhagen auf, die von der Polizei beendet wurde, woraufhin die Teilnehmer gewalttätigen Widerstand leisteten.

Lost and Found - mit Fate und Elbroiber in Magdeburg Aber auch schon vor ihrem ersten Gastspiel im Salut traten „Lost & Found“ bei Konzerten mit rechter Beteiligung auf. So spielte die Band z.B. am 05.04.2008 in Magdeburg zusammen mit „Fate“ (aus Nienhagen/Schwanebeck; seit Auflösung der Band ist Bassist Stefan „Ernie“ Behrens Mitglied bei den rechten Rockern von „Kategorie C“) und „Elbroiber“ (aus Magdeburg; Konzerte mit „Kategorie C“ und der Nazipunkband „Punkfront“; Angriff auf antifaschistsche Jugendliche).

Die Beispiele belegen, dass „Lost and Found“ weder selbst unpolitisch sind, noch politische Statements „egal aus welchem Lager“ verurteilen, sondern stattdessen Kontakte zu bekennend rechten Bands pflegen. Da passt es ganz gut ins Bild, dass Gitarrist Stefan W. das Neonazi-Event „Skinhead-Party“ am 25. Mai 2013 in Nienhagen unter anderen neben „Schmidtgard“ (der neben den rechten Rockern von „NotlöHsung“ nachwievor zum Freundeskreis zählt) besuchte.

Bindeglied zum Rechtsrock

Inhaltsleere Parolen von „Way of Life“ und „Working Class“, zu der die Band sich zählt, gemischt mit einem rebellischen Image machen die Musik von „Lost and Found“ für einen breiten Hörerkreis von „unpolitisch“ bis neonazistisch attraktiv. Dass die Musiker auch ganz bewusst am rechten Rand fischen, zeigen Lieder wie z.B. „Aufruhr“, in dem sie von „ihrem Land“ sprechen („Gebt uns einfach unser unser Land zurück“), sich über „Kinderschänder“ ereifern und zur Selbstjustiz aufrufen („Schlage einfach um dich, das ist Selbstjustiz“). Die Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe und einer „stärkeren Regierung“ machen sie sich mit dem Covern des Stücks „Rapist“ der britischen Rechtsrockgruppe „Combat 84″ zu eigen, in dem es heißt:

We need a stronger government
All you gotta do is hang ’em high
We want capital punishment!

Im Lied “Mieser Heuchler” singt die Band unter Anderem …

Wie eine Fahne drehst du dich im Wind,
hast keine eigne Meinung, schaltest nur auf blind.

… was vor dem Hintergrund, dass “Icke” noch vor ein paar Jahren auf linken Demonstrationen zu sehen war, unfreiwillig komisch wirkt. Dennoch stellen Bands wie “Lost and Found”, die als Bindeglied zwischen „unpolitischen“ und offen rechtsgerichtet auftretenden Bands fungieren, eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar. In den scheinbar unpolitischen Texten werden durchaus politische Themen angesprochen und reaktionäre Lösungen für gesellschaftliche Probleme angeboten. Für die Fans von Gruppen wie „Lost and Found“ ist der Weg zu rechten und neonazistischen Bands nicht weit.

Update vom 26.09.2013 21:54 Uhr

Das Konzert ist abgesagt worden. Mit folgenden Worten äußerte sich der Betreiber des „Salut“ auf Facebook:

Das Konzert am 05.10.2013 ist abgesagt!

Der Salut positioniert sich IMMER ganz klar GEGEN rechts!!! Das Konzert der Skinpunks war für nicht-rechtsgerichtete Musikliebhaber gedacht- wie jedes Konzert in meiner Einrichtung.
Da es in dem genannten Artikel aber als ein rechtsoffenes Konzert publiziert wird, beziehe ich natürlich deutlich Stellung und habe dieses Konzert nun abgesagt, um keineswegs in irgendeiner Form eventuelle Rechtsradikalität zu unterstützen.

In den Absprachen mit den Veranstaltern von Konzerten erkundige ich mich stets, ob eine der auftretenden Bands eventuell der rechten Szene zuzuordnen sind. Der Veranstalter dieses Konzerts versicherte mir Folgendes:

„Die Bands sind alle unpolitisch und haben weder was mit rechts noch mit Links zu tun. Und die Internetseite von Skins and Punx Action Tour distanziert sich klar von beiden Seiten.“

NPD Sachsen-Anhalt gibt Zentrum in Halberstadt auf

Lolos Hof in Halberstadt Das “Zentrum der nationalen Bewegung” in Halberstadt ist Geschichte. Als solches hatte der mittlerweile aus seiner Partei ausgeschlossene ehemalige Landeschef der NPD Matthias Heyder das Objekt in der Otto-Spielmann-Straße 65 zur Eröffnung im Dezember 2009 bezeichnet.

Die Räume wurden in der Vergangenheit immer wieder für verschiedenste Neonaziveranstaltungen genutzt. Neben zunehmenden persönlichen Differenzen zwischen Vermieter Lothar Nehrig und dem zwischenzeitlich in dem Gebäude wohnenden NPD-Kader Michael Grunzel, welche offenbar sogar in körperlichen Auseinandersetzungen endeten, kam es seit der Eröffnung immer wieder zu antifaschistischen Interventionen gegen das Anwesen.

Doch der Reihe nach: 2009 richtete die Neonazi-Truppe um Matthias Heyder in den Räumlichkeiten ein Bürgerbüro ein und führte Schulungen und Liederabende durch. Außerdem fanden in den letzten Jahren dort die NPD-Landesparteitage statt. Auch die rechtsradikale Organisation “Ring Nationaler Frauen” nutzte die Räumlichkeiten für ihre Bundeskongresse. Im gescheiterten Kampf um den Einzug der NPD in Sachsen-Anhalts Landtag wurde das Objekt als Wahlkampfzentrale genutzt.

Der sich selbst zur Reichsbürger-Szene zählende Vermieter Lothar “Lolo” Nehrig ist bei Polizei und Justiz kein Unbekannter. Des Öfteren kam es bei ihm zu Hausdurchsuchungen und Anzeigen, z.B. wegen Trunkenheit am Steuer. Im Jahr 2007 wurde Nehrig die Gewerbegenehmigung entzogen.

Ende des Jahres 2012 zog NPD-Vorstandsmitglied Grunzel von Magdeburg in die Otto-Spielmann-Straße 65. Nachdem im Dezember mehrere Autos auf dem Gelände in Halberstadt angegriffen wurden, forderte Grunzel den Vermieter laut ihm selbst auf, diesen “Judenschweinen zu zeigen, wer die NPD ist.” Anfang Mai dieses Jahres kam es laut Nehrig zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit Grunzel. Der NPD-Vorstand und Pressesprecher attackierte seinen eigenen Vermieter laut dessen Internetauftritt mit einem Knüppel und verletzte ihn dabei. Im Juni 2013 verließ die NPD das Gebäude offenbar mit Mietschulden. Michael Grunzel, der zur kommenden Bundestagswahl im September für die NPD im Landkreis Harz kandidiert, hat jedoch die Adresse der ehemaligen Landesgeschäftsstelle der NPD Sachsen-Anhalt als Meldeadresse zur Wahl angegeben. Welche Konsequenzen darauf folgen, bleibt abzuwarten.

Zwar verfügt die NPD noch über Sitze im Harzer Kreistag und im Stadtrat von Wernigerode, durch den Auszug aus der Otto-Spielmann-Straße in Halberstadt verschwindet jedoch die Infrastruktur der NPD im Harzkreis. Bereits im Jahr 2011 musste der Naziladen Ragnarök in Halberstadt schließen.