Archiv für April 2014

Erinnern an Helmut Sackers – Gedenkveranstaltung in Halberstadt

Am Dienstag dem 29. April 2014 gedachten ca. 60 Menschen in Halberstadt dem vor 14 Jahren von einem Neonazi getöteten Helmut Sackers. Nachdem sich die Teilnehmenden am Tatort, der Stelle an der der mittlerweile aberissenen Wohnblock stand, versammelt hatten, fasste eine Vertreterin der Mobilen Opferberatung die Geschehnisse um den Mord an Helmut Sackers und den Prozessverlauf zusammen. Der Täter Andreas S. war nach einer Reihe von Prozessen frei gesprochen worden. Bis heute bleibt dem Getöteten die offizielle Anerkennung als Todesopfer neonazistischer Gewalt verwehrt.
Im Anschluss beschrieb jemand von der antifaschistischen Initiative „Würdiges Gedenken“ die Beweggründe dafür, sich für das Gedenken an Helmut Sackers einzusetzen. Danach gingen die Versammelten gemeinsam zum Friedhof, um am Grab Helmut Sackers Kränze niederzulegen und Kerzen anzuzünden. Ein Vertreter des Bürgerbündnisses würdigte dort noch einmal die Courage Sackers. Besonders bewegend waren die Worte von Heide Dannenberg. Sie erinnerte sich an ihren damaligen Lebensgefährten und dankte allen Anwesenden, vor allem der Mobilen Opferberatung und der Initiative „Würdiges Gedenken“, die diese Veranstaltung ins Leben gerufen hatten und auch in Zukunft dafür eintreten wollen, dass Helmut Sackers und sein Mut nicht vergessen werden. Die Initiative wird sich darum bemühen einen offiziellen Gedenkort für Helmut Sackers in Halberstadt zu schaffen.

Helmut Sackers – ermordet, weil er nicht weghörte

Helmut Sackers wurde vor 14 Jahren, am 29. April 2000, in Halberstadt von dem damals 28-jährigen Neonazi-Skinhead Andreas S. erstochen. Der Gräueltat ging ein Streit über die von Andreas S. laut abgespielte Nazimusik voraus. Sackers hatte, als er zusammen mit seiner Lebensgefährtin das verbotene Horst Wessel-Lied1 und „Sieg-Heil-Rufe“ aus der Nachbarwohnung hörte, die Polizei alarmiert. Vor Ort angekommen gingen die Beamten dem Hinweis, dass es sich um verfassungsfeindliche Musik handele, nicht nach. Stattdessen baten sie den mit einem T-Shirt der Neonazi-Band „Blue Eyed Devils“2 bekleideten S. lediglich darum, die Musik leiser zu drehen. Helmut Sackers drohte seinem Nachbarn im Beisein der Gesetzeshüter an, Anzeige gegen ihn zu erstatten, würde er noch einmal die Nazimusik spielen.
Nachdem die Beamten wieder abgezogen waren, eskalierte der Streit im Hausflur erneut, als sich der stadtbekannte Neonazi bei Sackers über den Polizeieinsatz beschwerte, so die Aussage des Trinkkollegen von Andreas S. Dabei habe der Neonazi S. den 60-jährigen Sackers gefragt, ob dieser Kommunist sei.
Als Sackers wenig später von einem Gang mit seinem Hund zurückkam, sah ihn S. vom Balkon aus und lief zum Hauseingang hinunter, angeblich um seinen Trinkkollegen zu verabschieden. S. stach vier Mal auf sein Opfer ein 3. Der Rentner verblutete noch im Hausflur. Andreas S. verständigte daraufhin die Polizei. Einzige mutmaßliche Zeugin soll die Verlobte des Angeklagten gewesen sein. Während der laufenden Ermittlungen hatte sie ausgesagt, sich während der Tat in der Wohnung aufgehalten zu haben. Vor Gericht behauptete sie dann, neben dem Täter im Hausflur gestanden zu haben.

Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei mehr als 80 neonazistische CDs sowie Videos und damals neuestes Propagandamaterial mit Aufrufen zum Mord an politischen Gegnern.4 Andreas S. wurde bei der Verhandlung im November 2000 vor dem Langericht Magdeburg ohne jeglichen Bezug auf die politischen Hintergründe der Tat freigesprochen.
Im Sepember des nächsten Jahres wurde Andreas S. wegen der Verbreitung und Verwendung verfassungsfeindlicher Propaganda zu einer Geldstrafe von 3000 D-Mark verurteilt. Im Verfahren dazu wurde auch die Lebensgefährtin von Sackers als Zeugin gehört. Dabei war die Begegnung mit demjenigen, der ihren Lebensgefährten umbrachte und nie ein Wort der Reue oder Entschuldigung hervorbrachte, eine extreme Belastung. 2003 hatte Andreas S. mit seinem Berufungsantrag in diesem Verfahren Erfolg. Helmut Sackers hatte in der Tatnacht die Polizei alamiert, weil sein Nachbar das Horst-Wessel-Lied abspielte. Dieser Fakt wird indirekt für ungültig erklärt, da der einzige belastende Zeuge Helmut Sackers tot ist.

Im Juli 2001 wurde dann der Freispruch vom Bundesgerichtshof wegen „gravierender Fehler“ aufgehoben und der Fall an das Landgericht Halle verwiesen.
Der zuständige Richter lobte 2005 die Zivilcourage Sackers und sprach Andreas S. aufgrund eines angeblichen „intensiven Notwehrexzesses“ erneut frei.
Der Neonazi habe sich von Sackers und dessen Hund5 bedroht gefühlt und aus „panischer Furcht“ eine 1,43 Meter tiefe Kellertreppe hinunter zu fallen, die Grenzen der Notwehr überschritten. Das Messer, so die Argumentation der Verteidigung, habe der Täter aufgrund einer früheren „Bedrohungssituation“6 mit sich geführt. Die Staatsanwaltschaft hatte sechseinhalb Jahre Haft für eine gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge gefordert. Die Vertreter der Nebenklage kritisierten, dass dem Gericht kein einziges Indiz oder ein Beweis für den vom Angeklagten behaupteten Angriff durch Sackers vorlag. Vielmehr wurde bei der zweiten Obduktion des Betroffenen unter anderem ein Nasenbeinbruch festgestellt. So wurde der Täter Andreas S. im Laufe des zweiten Verfahrens zum „Opfer”.
Dass der Fall Helmut Sackers bis heute offiziell nicht als rechter Mord anerkannt wird, macht auf eindrückliche Weise klar, wie mit den offenen Problemen des Neofaschismus umgegangen wird. Die offensichtliche Verharmlosung von neofaschistischer Gewalt und im Gegenzug die Kriminalisierung von antifaschistischem Engagement bieten beste Voraussetzungen dafür, dass Neonazis ihre menschenverachtende Gesinnung weiter gesamtgesellschaftlich etablieren können. Die Kontakte, die Andreas S. zur „Nationalistischen Front“ hatte, wurden nicht beachtet. Ebenso wird in vielen Fällen wie bei dem 2003 erfolgten Angriff auf das soziokulturelle Zentrum Zora durch Neonazis das politische Motiv durch die Staatsanwaltschaft dementiert. An diesem Abend wurde ein 21-jähriger lebensgefährlich verletzt. Ein naheliegender Grund für die juristische Vertuschung und die häufigen Verharmlosungen rassistischer Übergriffe ist das Image der Region. Zu Beginn der Neunziger Jahre kam es in den Städten des heutigen Harzkreises zu vielen Attacken auf Geflüchtete. Besonders heftige Angriffe durch Neonazis gab es auf ein Flüchtlingsheim in Quedlinburg. Nur durch das Engagement von Bürgerinnen sowie linken Jugendlichen konnte verhindert werden, dass keine Todesopfer zu beklagen waren.

Helmut Sackers wurde ein Opfer der neonazistischen Ideologie. Er bewies vor 14 Jahren in Halberstadt das, wovon der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Zuge des „Aufstands der Anständigen” sprach und was als angebliche „Staatsräson“ gefeiert wurde – Zivilcourage. Er schritt gegen rechte Umtriebe ein und musste dafür mit seinem Leben bezahlen. Bis heute ist dieser Mord nicht offiziell als rechtsmotiviert anerkannt.
Am 29. April 2014 wird Helmut Sackers, einem von vielen Todesopfern rechter Gewalt, in Halberstadt gedacht.

1 Parteihymne der NSDAP
2 Blue Eyed Devils – US-amerikanische Neonaziskinheadband, deren Alben alle verboten sind, da sie in ihren Liedern den Holocaust verherrlichen und offen zum Mord an Kommunisten und politischen Gegnern aufrufen
3 Die Länge der Klinge betrug 17 cm.
4 u.a. „Kriegsberichter“ verbotene DVD, des schwedischen Neonazi-Versandes „NS88“
5 ein „Kleiner Münsterländer“, dessen Ungefährlichkeit im Verfahren durch einen Wesenstest bestätigt wurde
6 Bei einer Auseinandersetzung in Magdeburg im Jahr 1991, die auch als fremdenfeindlicher Übergriff bezeichnet werden könnte, hätte Andreas S. ein Trauma davon getragen. Jedoch erstattete er nie eine Anzeige deswegen.