Archiv für August 2014

Verbot hat keinen Bestand – Rechtsrockevent „Skinheadparty“ findet in dritter Auflage statt

Am 28. Juni 2014 fand in Nienhagen bei Halberstadt das Rechtsrockevent „Skinheadparty“ in dritter Auflage statt. Ein von Bürger*innen und Landrat voreilig als „Teilerfolg“ gefeiertes Verbot der Veranstaltung hatte vor Gericht keinen Bestand.


Screenshot der „Skinheadparty“-Webseite

Im Vorfeld hatte die Bürgerinitiative „Nienhagen Rechtsrockfrei“ ein Straßenfest angemeldet, das auf dem Weg zur Hopfendarre des Besitzers Klaus Slominski stattfinden sollte. Da das Verbot des Rechtsrockkonzertes rund um die Hopfendarre im Raum stand, versuchte Klaus Slominski in knapper Zeit, ein anderes in seinem Besitz befindliches Grundstück – das als Müllkippe verwendet worden war – veranstaltungstauglich zu machen, um es als Ausweichort nutzen zu können.


Die Hopfendarre in Nienhagen

Letztendlich hob das Oberverwaltungsgericht in Magdeburg das Verbot auf. Auch Auflagen, wie das Ende der Veranstaltung um 22:00 Uhr, wurden kassiert. Das OVG sprach dem Rechtsrockevent, das mit mehreren Tausend Euro Gewinn durch Eintrittspreise, T-Shirt-Verkauf und das Angebot einer Live-CD von der ersten „Skinheadparty“ ganz klar einen kommerziellen Charakter trägt, auch zu, eine öffentliche Versammlung zu sein – schließlich dienten „solche Konzerte der rechtsextremen Szene als Propagandamittel und Kontaktbörse“. Entsprechend wurde das Straßenfest der Bürger*innen in eine Straße neben der nahegelegenen Kirche verlegt.


Protestierende an der Strecke zum Rechtsrockkonzert

Auf dem Weg zur Hopfendarre zogen am Nachmittag die meisten der knapp 1300 Rechtsrockfans an der Straße, in der das Bürgerfest statt fand, vorbei. Mit Schildern und Transparenten wurde den in großen Teilen als Skinheads verkleideten gezeigt, dass nicht alle das rechte Treiben hinnehmen. Neben Neonazis aus ganz Deutschland und Nachbarländern machte die Teilnahme von Jugendlichen aus Nienhagen und umliegenden Ortschaften deutlich, wie durch solche neonazistischen Musikveranstaltungen Nachwuchs gewonnen wird und bestehende rechte Strukturen gestärkt werden.


Jugendliche aus dem Ort

Zuvor hatte Innenminister Holger Stahlknecht versucht sich ganz bürgernah zu geben und besuchte mit sechs Leibwächtern das Straßenfest, das von der Initiative „Nienhagen Rechtsrockfrei“ und dem DGB organisiert wurde. Nachdem der Law-and-Order-Mann ein paar Sätze an die Anwesenden gerichtet und für Fotos der anwesenden Journalist*innen posiert hatte, verschwand er wieder.
Insgesamt ging es bei der Gegenveranstaltung vor allem um Symbolisches. Neben der Parole „Flagge zeigen gegen Rechts“ wurde die Forderung an die Exekutive wiederholt, doch strikter mit allen im Rechtsrahmen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen das Rechtsrockkonzert vorzugehen. Dass eine angekündigte Demonstration durch den Ort kurzfristig in eine stationäre Kundgebung umgewandelt wurde, um eine Live-Schalte der MDR Heute-Nachrichten nach Nienhagen zu ermöglichen, verstärkte den Eindruck, es ginge bei allem hauptsächlich um Imagekorrektur und Selbstdarstellung einzelner Akteur*innen. Nur wenige Menschen aus Nienhagen fanden den Weg zur Gegenveranstaltung, deren „gewaltfreier“ Charakter betont wurde. Der Großteil der 250 Teilnehmenden war aus anderen Orten angereist.


Transparent, das auf dem Straßenfest gemalt wurde

Veranstalter Oliver Malina, der schon im Vorfeld durch versuchte Angriffe auf Antifaschist*innen auffiel und ein Fernsehteam bei den Dreharbeiten in dem kleinen Ort behindert hatte, ließ sich von den Konzertbesucher*innen feiern und kündigte an, das Konzert im nächsten Jahr wieder durchzuführen. Der ursprünglich aus Salzgitter stammende Neonazi tat sich an diesem Tag außerdem durch den Angriff auf einen Fotografen hervor, zusätzlich flogen Fäkalien und Essensreste vom Konzertgelände auf Journalist*innen.


Thorsten Fleischmann und Jeff Fitzek

Die veranstaltungseigenen Ordner waren, wie auch in den Jahren zuvor, mit rotem T-Shirt („Honour & Pride“-Logo; Aufschrift „Frontline Fighter“) unterwegs. Außerdem hatte Malina sich, wie ebenfalls in den Jahren zuvor, wieder Verstärkung von „Incognito Security“ aus Blankenburg geholt. Die bestehenden Schnittmengen zwischen „Incognito“ und der Neonaziszene macht das Beispiel des NPD-Vertreters Thorsten Fleischmann aus Halberstadt besonders deutlich. Fleischmann, der auch schon als Ordner für „Incognito“ im Stadion des VfB Germania Halberstadt zu sehen war, trat bei der diesjährigen „Skinheadparty“ als „Frontline Fighter“ im roten T-Shirt auf. Außerdem wurde die Veranstaltung vom Deutschen Roten Kreuz des Kreisverbands Quedlinburg-Halberstadt unterstützt. Die Sanis um Frank H. (Kreisbereitschaftsleiter Sanität) waren mit einem eigenen Zelt auf dem Konzertgelände vertreten.


„Incognito“-Ordner mit sichtlichem Spaß auf der Rechtsrockparty

Pitbullfarm (Schweden) zeigten mit ihrem Auftritt eindrücklich, dass sie sich mittlerweile komplett von der vorgeschobenen Lüge, sie wären keine politische Band, verabschiedet haben. Unter dem Label „Skinhead“ versuchen trotzdem immer noch viele Rechte ihre freundschaftlichen Verbindungen zu offen neonazistisch auftretenden Bands und Strukturen zu verschleiern, in dem sie sich als „unpolitisch“ bezeichnen. Der Blick in die Region reicht aus, um gleich mehrere Beispiele dafür zu finden. So zählten auch Mitglieder der Wernigeröder Bands „Notlöhsung“ und „Lost and Found“, die trotz offensichtlich bester Verbindungen in die rechte Szene vorgeben, „unpolitisch“ zu sein, zu den Konzertbesucher*innen.


Wernigeröder Neonazis um Rainer Kurs (2. v. l.)