Archiv für Oktober 2014

„Dachpappen“, „Viehzeug“, Ebola – Rassisten-Shitstorm in der Facebookgruppe „Halberstadt“

Die knapp 5.000 Mitglieder fassende „Halberstadt“-Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook ist schon fast eine Institution. Lokalpolitiker, Gewerbetreibende und Hobby-Fotografen nutzen neben „Normalbürgern“ die Onlinepräsenz. Ausgetauscht wird sich über Gott und die Welt, Ratespiele mit Fotos von Stadtecken veranstaltet und über den neuesten Polizeieinsatz diskutiert.
Bestandteil sind jedoch auch rassistische Äußerungen und andere menschenverachtende Kommentare, vorallem in Bezug auf Geflüchtete, welche am Rand der Stadt in einer ehemaligen NVA-Kaserne untergebracht sind. Immer wieder werden unverhohlen teils irsinnige Vorurteile, falsche Fakten und plumpe rassistische Hetze verbreitet, was bei einem Großteil der aktiven User gut ankommt. Die Menschen aus der ZASt trinken den ganzen Tag Bier, laufen in Markenklamotten durch die Stadt, um deutsche Frauen zu bepöbeln und sind Schuld an unsanierten Schulen. Das ist leider keine Einzelansicht, ungefähr diese Meinung wird von vielen Halberstädter Gruppenmitgliedern vertreten.

Administrator und Verantwortlicher für die Gruppe ist Fabian R. aus Halberstadt. Rassistische Äußerungen werden weiterhin in der Gruppe geduldet. Bis vor Kurzem, durfte auf der Online-Plattform sogar noch der Halberstädter NPD-Stadtrat Michael Grunzel unterschwellig seine rechten Ansichten verbreiten, auch der in Elbingerode wohnhafte Neonazi und Ex-NPD-Landesvorsitzender Matthias Heyder ist weiterhin Mitglied der Gruppe. Auffällig ist jedoch, dass der Großteil der menschenverachtenden Äußerungen nicht einmal von Neonazis selbst stammen, sondern von Bürgern und Bürgerinnen, die ihre Meinung nach dem beliebten Muster „Ich bin ja kein Rassist, aber..“ kundtun.
Am 22.10.2014 veröffentlichte die Lokalzeitung Volksstimme einen Artikel, in dem darüber berichtet wurde, dass ein weiterer ehemaliger Kasernenblock in Halberstadt saniert wird, um 200 Flüchtlinge dort unterzubringen. Nach dem der Link zum Artikel auch in der Gruppe veröffentlicht wurde, begann der rassistische Shitstorm. Schon im ersten Kommentar vom Deersheimer Neonazi Marcel Hahn wurden Flüchtlinge als „Dachpappen“ und „Viehzeug“ bezeichnet, viele drückten „Gefällt mir“. Als sich daraufhin jemand über das „Nazigesindel“ in der Gruppe beschwert, beginnt sich der Online-Mob gegen ihn zu richten. Er solle doch „zu denen ziehen, wenn er sie so mag“. Es wird auf freie Meinungsäußerung verwiesen, und dass man auf keinen Fall ein Nazi oder Rassist sei. Neben NPD-Wahlkampfparolen und weiteren Klischees sind es nur sehr wenige, welche sich nicht in die braune Schar von Kleingeistern einreihen. Weiter wird darüber spekuliert, dass Flüchtlinge Ebola einschleppen könnten und eine junge Halberstädterin ist der Meinung, dass die Stadt bald den Beinamen „Tor zum Asylheim“ bekommen sollte. Die Mehrheit der Gruppenmitglieder nimmt solche rassistischen „Meinungsäußerungen“ schweigend hin.


Kommentar zu einer ähnlichen Diskussion am 25.09.2014, die schließliche darin mündete, dass sich der rassistische Mob an einer Nutzerin, die sich gegen die fremdenfeindlichen Äußerungen in der Gruppe aussprach, abarbeitete

Vereinzelten Bitten, die rassistischen und menschenverachtendenen Äußerungen und Kommentare zu löschen, kommt Administrator Fabian R. nicht nach. Erst nach mehreren Stunden wird der gesamte Artikel gelöscht. Einen Tag später beginnt der braune Shitstorm unter einem anderen Gruppen-Eintrag erneut und wird später auch entfernt. Offensichtlich ist, dass nicht wenige sich ihrer rassistischen Äußerungen nicht bewusst sind und diese nicht als solche wahrgenommen haben wollen. Es ist die Pflicht der Moderatoren, menschenfeindlichen Klischees keinen Platz zu bieten. Die „Halberstadt-Gruppe“ ist nicht irgendeine unbedeutende Gruppe irgendwo im Netz, es ist der virtuelle Bürgertreff von Halberstadt. Wer für die Moderation einer solchen Gruppe verantwortlich ist, muss dieser Verantwortung nachkommen und darf die Wirkung solcher Dynamiken nicht unterschätzen. Wie schnell aus einem braunen Shitstorm ein realer Fackelmarsch werden kann, beweist das Beispiel des Ortes Schneeberg in Sachsen. Eine Facebook-Seite mobilisierte im letzten Herbst einen rechten Mob aus Einwohnern und Neonazis der NPD gegen eine Flüchtlingsunterbringung in der Kleinstadt im sächsischen Erzgebirge auf die Straße. Es fanden mehrere solcher Fackelmärsche statt, an deren Rande auch Journalisten und Protestler attackiert wurden, die Stadt befand sich wochenlang im Ausnahmezustand. Es gilt, rechten Tendenzen auch im Internet offensiv entgegenzutreten und Rassismus, egal in welcher Form, keinen Raum zu geben.


Weiterer Kommentar von vielen am 25.09.2014


Skurriles Bild als Kommentar ebenfalls am 25.09.2014