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Verbot hat keinen Bestand – Rechtsrockevent „Skinheadparty“ findet in dritter Auflage statt

Am 28. Juni 2014 fand in Nienhagen bei Halberstadt das Rechtsrockevent „Skinheadparty“ in dritter Auflage statt. Ein von Bürger*innen und Landrat voreilig als „Teilerfolg“ gefeiertes Verbot der Veranstaltung hatte vor Gericht keinen Bestand.


Screenshot der „Skinheadparty“-Webseite

Im Vorfeld hatte die Bürgerinitiative „Nienhagen Rechtsrockfrei“ ein Straßenfest angemeldet, das auf dem Weg zur Hopfendarre des Besitzers Klaus Slominski stattfinden sollte. Da das Verbot des Rechtsrockkonzertes rund um die Hopfendarre im Raum stand, versuchte Klaus Slominski in knapper Zeit, ein anderes in seinem Besitz befindliches Grundstück – das als Müllkippe verwendet worden war – veranstaltungstauglich zu machen, um es als Ausweichort nutzen zu können.


Die Hopfendarre in Nienhagen

Letztendlich hob das Oberverwaltungsgericht in Magdeburg das Verbot auf. Auch Auflagen, wie das Ende der Veranstaltung um 22:00 Uhr, wurden kassiert. Das OVG sprach dem Rechtsrockevent, das mit mehreren Tausend Euro Gewinn durch Eintrittspreise, T-Shirt-Verkauf und das Angebot einer Live-CD von der ersten „Skinheadparty“ ganz klar einen kommerziellen Charakter trägt, auch zu, eine öffentliche Versammlung zu sein – schließlich dienten „solche Konzerte der rechtsextremen Szene als Propagandamittel und Kontaktbörse“. Entsprechend wurde das Straßenfest der Bürger*innen in eine Straße neben der nahegelegenen Kirche verlegt.


Protestierende an der Strecke zum Rechtsrockkonzert

Auf dem Weg zur Hopfendarre zogen am Nachmittag die meisten der knapp 1300 Rechtsrockfans an der Straße, in der das Bürgerfest statt fand, vorbei. Mit Schildern und Transparenten wurde den in großen Teilen als Skinheads verkleideten gezeigt, dass nicht alle das rechte Treiben hinnehmen. Neben Neonazis aus ganz Deutschland und Nachbarländern machte die Teilnahme von Jugendlichen aus Nienhagen und umliegenden Ortschaften deutlich, wie durch solche neonazistischen Musikveranstaltungen Nachwuchs gewonnen wird und bestehende rechte Strukturen gestärkt werden.


Jugendliche aus dem Ort

Zuvor hatte Innenminister Holger Stahlknecht versucht sich ganz bürgernah zu geben und besuchte mit sechs Leibwächtern das Straßenfest, das von der Initiative „Nienhagen Rechtsrockfrei“ und dem DGB organisiert wurde. Nachdem der Law-and-Order-Mann ein paar Sätze an die Anwesenden gerichtet und für Fotos der anwesenden Journalist*innen posiert hatte, verschwand er wieder.
Insgesamt ging es bei der Gegenveranstaltung vor allem um Symbolisches. Neben der Parole „Flagge zeigen gegen Rechts“ wurde die Forderung an die Exekutive wiederholt, doch strikter mit allen im Rechtsrahmen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen das Rechtsrockkonzert vorzugehen. Dass eine angekündigte Demonstration durch den Ort kurzfristig in eine stationäre Kundgebung umgewandelt wurde, um eine Live-Schalte der MDR Heute-Nachrichten nach Nienhagen zu ermöglichen, verstärkte den Eindruck, es ginge bei allem hauptsächlich um Imagekorrektur und Selbstdarstellung einzelner Akteur*innen. Nur wenige Menschen aus Nienhagen fanden den Weg zur Gegenveranstaltung, deren „gewaltfreier“ Charakter betont wurde. Der Großteil der 250 Teilnehmenden war aus anderen Orten angereist.


Transparent, das auf dem Straßenfest gemalt wurde

Veranstalter Oliver Malina, der schon im Vorfeld durch versuchte Angriffe auf Antifaschist*innen auffiel und ein Fernsehteam bei den Dreharbeiten in dem kleinen Ort behindert hatte, ließ sich von den Konzertbesucher*innen feiern und kündigte an, das Konzert im nächsten Jahr wieder durchzuführen. Der ursprünglich aus Salzgitter stammende Neonazi tat sich an diesem Tag außerdem durch den Angriff auf einen Fotografen hervor, zusätzlich flogen Fäkalien und Essensreste vom Konzertgelände auf Journalist*innen.


Thorsten Fleischmann und Jeff Fitzek

Die veranstaltungseigenen Ordner waren, wie auch in den Jahren zuvor, mit rotem T-Shirt („Honour & Pride“-Logo; Aufschrift „Frontline Fighter“) unterwegs. Außerdem hatte Malina sich, wie ebenfalls in den Jahren zuvor, wieder Verstärkung von „Incognito Security“ aus Blankenburg geholt. Die bestehenden Schnittmengen zwischen „Incognito“ und der Neonaziszene macht das Beispiel des NPD-Vertreters Thorsten Fleischmann aus Halberstadt besonders deutlich. Fleischmann, der auch schon als Ordner für „Incognito“ im Stadion des VfB Germania Halberstadt zu sehen war, trat bei der diesjährigen „Skinheadparty“ als „Frontline Fighter“ im roten T-Shirt auf. Außerdem wurde die Veranstaltung vom Deutschen Roten Kreuz des Kreisverbands Quedlinburg-Halberstadt unterstützt. Die Sanis um Frank H. (Kreisbereitschaftsleiter Sanität) waren mit einem eigenen Zelt auf dem Konzertgelände vertreten.


„Incognito“-Ordner mit sichtlichem Spaß auf der Rechtsrockparty

Pitbullfarm (Schweden) zeigten mit ihrem Auftritt eindrücklich, dass sie sich mittlerweile komplett von der vorgeschobenen Lüge, sie wären keine politische Band, verabschiedet haben. Unter dem Label „Skinhead“ versuchen trotzdem immer noch viele Rechte ihre freundschaftlichen Verbindungen zu offen neonazistisch auftretenden Bands und Strukturen zu verschleiern, in dem sie sich als „unpolitisch“ bezeichnen. Der Blick in die Region reicht aus, um gleich mehrere Beispiele dafür zu finden. So zählten auch Mitglieder der Wernigeröder Bands „Notlöhsung“ und „Lost and Found“, die trotz offensichtlich bester Verbindungen in die rechte Szene vorgeben, „unpolitisch“ zu sein, zu den Konzertbesucher*innen.


Wernigeröder Neonazis um Rainer Kurs (2. v. l.)

Greif ein – Nazis und Rassist*innen keine Ruhe lassen!

Schon seit einigen Wochen läuft im Harzkreis eine Kampagne mit dem Motto „Greif ein – Nazis und Rassist*innen keine Ruhe lassen“, in deren Rahmen am Samstag, dem 14.06.2014 in Halberstadt eine Demonstration stattfinden soll. Weitere Informationen gibt’s unter eingreifen.blogsport.de.

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Menschen in Nienhagen sprechen sich gegen Rechtsrockkonzerte aus

Sie wollen keine 1000 Neonazis mehr in ihrem 400-Seelen-Dorf, die Nienhagener. In einer vom Bürgerbündnis „Nienhagen rechtsrockfrei“ organisierten Abstimmung gab es ein klares Votum. Der Betreiber will nun nicht mehr an Rechte vermieten.

Nienhagen l Klares Votum: Von 326 wahlberechtigten Nienhagenern haben sich 200 an der Abstimmung beteiligt. 160 sind gegen weitere Rechtsrockkonzerte, 40 dafür.

Am 22. Oktober verteilten Mitglieder des Bürgerbündnisses „Nienhagen Rechtsrockfrei“ an alle wahlberechtigten Bürger von Nienhagen Unterlagen für eine Briefwahl. Darin wurden diese aufgefordert, in den folgenden drei Wochen Position zu Rechtsrockkonzerten in ihrem Ort zu beziehen.

Die an die Verbandsgemeinde gerichteten Rückantwortbriefe landeten in einer verschlossenen Wahlurne, die nun geöffnet wurde. Am Sitz der Verbandsgemeinde in Schwanebecks Kapellenstraße war neben dem Leiter des Ordnungsamtes, Knut Buschhüter, Bürgermeisterin Christina Brehmer (Linke) sowie Hans-Christian Anders und Nadine Röhrdanz vom Bürgerbündnis mit Klaus Slominski auch der Besitzer der Alten Hopfendarre in Nienhagen zugegen, die seit Jahren als Veranstaltungsort für Rechtsrockkonzerte in den Schlagzeilen ist.

Hans-Christian Anders öffnete die versiegelte Urne und entleerte den Inhalt. Schon dabei war zu erkennen, dass sich viele Einwohner an dieser Briefwahl-Aktion beteiligt hatten.

Die Auszählung ergab, dass von den 326 Wahlberechtigten 200 ihre Stimme abgegeben hatten. Das entspricht einer Wahlbeteiligung von über 60 Prozent.

Ich stehe zu meinem Wort. Ich vermiete nicht mehr an diese Leute.

Klaus Slominski, Besitzer der Alten Hopfendarre

Die Auszählung und die nochmalige Kontrolle der Ja- und Nein-Stimmen zeigten ein eindeutiges Ergebnis: 160 votierten gegen weitere Rechtsrockkonzerte in Nienhagen, 40 sprachen sich dafür aus.

Der Hopfendarre-Besitzer reagierte sofort: „Ich stehe zu meinem Wort. Ich vermiete nicht mehr an diese Leute.“ Auf seinem Gelände werde es künftig keine solchen Konzerte mehr geben.

Klaus Slominski hatte Mitte des Jahres vor laufender Fernsehkamera versichert, das Hopfendarre-Gelände am Woltersweg nicht mehr für rechte Konzerte vermieten zu wollen, wenn sich die Mehrzahl der Nienhagener Einwohner dagegen ausspricht. Er gab bei dieser Gelegenheit aber auch zu verstehen, dass sich in der Vergangenheit ihm gegenüber niemand gegen diese Veranstaltungen ausgesprochen habe. Sonst hätte er schon eher reagiert, betonte Slominski.

„Ich danke vor allem den Nienhagenern für die große Beteiligung und für das sehr eindeutige Bekenntnis“, sagte Hans-Christian Anders im Namen des Bürgerbündnisses „Nienhagen Rechtsrockfrei“, „es zeigt, dass den meisten Bewohnern ihr Dorf doch sehr am Herzen liegt.“

Seit mehreren Jahren ist die Alte Hopfendarre in dem Schwanebecker Ortsteil Nienhagen Treffpunkt der Neonazi-Musikszene. Teilweise strömten mehr als 1000 Zuhörer in den kleinen Ort und auf das Veranstaltungsgelände. Frühere Versuche, diese Konzerte gerichtlich zu verbieten, scheiterten. Allerdings gab es Auflagen seitens der Ordnungsbehörden, weil viele der auftretenden Bands wegen Volksverhetzung oder rassistischer Aussagen verbotene Titel spielten. Um die Auflagen zu kontrollieren, gab es regelmäßig große Polizeieinsätze bei den Konzerten, zu denen teilweise sogar Hundertschaften aus anderen Bundesländern anrückten.

Quelle: Volksstimme