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Distanzierung nicht mehr nötig – faschistisches Netzwerk um die IB

Vor nun schon zwei Jahren gründete sich mit der Gruppe „Identitäre Bewegung Harz“ (IBH) der zweite von mittlerweile drei IB-Ablegern in Sachsen-Anhalt. Ab Ende 2015 war sie dann regelmäßig in Wernigerode mit Grablichteraktionen präsent. Wie in der Vergangenheit schon dargestellt, besteht die Gruppe zum Großteil aus ehemaligen JN-Mitgliedern. Die IB-Faschisten setzen in ihren Aktionen auf Provokation, um Öffentichtkeit zu bekommen. Zusätzlich versuchen sie, aktuelle Themen von öffentlichem Interesse für sich zu nutzen. Außerdem bauen die Harzer IB-Akteur*innen Kontakte zu anderen IB-Gruppen im Netzwerk der „Identitären Bewegung“ aus.


IBH-Faschisten am 25. Februar 2017 beim Karnevalsumzug in Derenburg

Grablichter, Verkleidungen und Provokationen

Nachdem die wöchentlichen Kundgebungen seit Mai ausgesetzt worden waren, fanden am 11. und am 23. Dezember vergangenen Jahres erneut Grablichtertreffen unter dem Motto „Ein Licht gegen Migrantengewalt“ bzw. „Ein Licht gegen den Terror“ statt. Die Aktionen der Gruppierung IBH ähneln – das ist wenig verwunderlich – denen, die die damalige JN-Gruppe um Michael Schäfer durchführte. So veranstaltet IBH wie die damalige JN Sonnenwendefeiern, zuletzt Ende Juni 2017, oder nutzt beispielsweise Verkleidungen, um die Aufmerksamkeit von Passant*innen zu erregen, wie beim Flyerverteilen mit Sensemann am 1. Mai dieses Jahres.

Neben eigenen Aktionen und Kundgebungen versucht IBH immer wieder fremde Veranstaltungen als Bühne zu nutzen, durch Anwesenheit zu provozieren und Aufmerksamkeit zu erregen, wie es Schäfer und Kameraden als JN Wernigerode taten. So nahm IBH im Februar 2017, wie auch schon im vergangenen Jahr, am Karnevalsumzug in Derenburg teil. Die Faschisten waren als spartanische Krieger verkleidet, wie sie im Film „300“ dargestellt sind. Der Derenburger Karnevalsverein gab sich schockiert und beteuerte, von der Teilnahme der Identitären nichts gewusst und diese auch zunächst nicht bemerkt zu haben. Die Aktion wurde offenbar von dem Netzwerk „Ein Prozent“, das von der so genannten Neuen Rechten initiiert wurde, unterstützt.

Ähnlich wie der Derenburger Karnevalsverein schafften es auch die Veranstaltenden des Wernigeröder Bürgerfrühstücks – ein jährliches Fest verschiedener Vereine auf dem Marktplatz, bei dem Spenden für einen guten Zweck gesammelt werden – nicht, die IB-Faschisten von ihrer Veranstaltung fern zu halten. Wie bereits im vergangenen Jahr konnte IBH auch am 21. Mai 2017 teilnehmen. Dies war möglich, da die IB sich nicht als Gruppe sondern mit dem Namen eines Einzelmitglieds angemeldet hatten. Die Veranstalter*innen zeigten zwar wenig Verständnis, sahen sich aber nicht in der Lage, die Faschisten vom Platz zu entfernen und beließen es bei der Drohung, dies beim nächsten Mal zu tun.

Außerdem versuchte IBH mit einer Aktion im Wernigeröder Rathaus und verschiedenen Facebook-Posts die Diskussion um Bauprojekte in Schierke aufzugreifen. In dem Ortsteil von Wernigerode entsteht gerade mit der „Feuersteinarena“ ein Eisstadion. Zusätzlich soll ein Skigebiet mit entsprechender Seilbahn gebaut werden. Getreu dem JN-Motto „Umweltschutz ist Heimatschutz“ sollen lokale Themen mit potenziellen Anknüpfungspunkten zu rechter Ideologie genutzt werden.


Mathias Plachy (schwarzer Kapuzenpullover), Jenny Schreyer (mit Fahne) und Oliver Stallmann (gelbe Sonnenbrille) am 17.06.2017 bei IB-Aufmarsch in Berlin (Foto: Fabian Schumann)

IB setzt auf Vernetzung

Auch wenn IBH aufgrund der JN-Erfahrung dazu in der Lage ist, Aktionen eigenständig durchzuführen, spielt Vernetzung mit anderen „Identitären“ trotzdem eine wichtige Rolle. Weil die IB im Ganzen gesehen über relativ wenige Mitglieder verfügt, ist der Netzwerkaspekt von großer Bedeutung, damit das Bild einer scheinbar großen Organisation aufrecht erhalten werden kann. So waren an der Kundgebung am 11. Dezember 2016 in Wernigerode auch IB-Faschisten aus Magdeburg beteiligt. Zur Sonnenwendfeier im vergangenen Juni kamen auch IB-Mitglieder aus Niedersachsen.

Im Januar 2017 waren einige Harzer „Identitäre“ nach Paris gereist, um dort am Aufmarsch der IB Frankreich teilzunehmen, der jährlich in der Hauptstadt stattfindet. Auf Facebook schwärmten sie von Paris und bejammerten gleichzeitig, dass in manchen Stadtteilen angeblich zu viele Migranten leben. Dies sei der Beweis für „den großen Austausch“.
Am 21.01.2017 wurde der Neonazi Oliver Stallmann im thüringischen Marlieshausen gesichtet. Er nahm dort als Vertreter der Gruppierung an einem „Gemeinschaftswochenende“ der „Identitären Bewegung“ teil. Stallmann trat in der Vergangenheit als Anmelder für IBH-Kundgebungen auf. Er war es auch, der zusammen mit Jenny Schreyer an einem Vorbereitungstreffen bei der Burschenschaft Gothia für den Aufmarsch am 17. Juni in Berlin teilnahm, bei dem IBH entsprechend dann auch vertreten war.

Im Juni deckte die Recherche-Plattform „Sachsen-Anhalt rechtsaußen“ auf, dass IB, „Institut für Staatspolitik“ und „Ein Prozent“ ein faschistisches Hausprojekt in Halle ins Leben gerufen haben. Ungefähr einen Monat später fand die erste antifaschistische Demonstration gegen das Haus statt. Gleichzeitig versammelten sich verschiedene Faschisten aus dem IB-Umfeld im und ums Haus zu einer Party und, um für Fotos zu posieren. Mit dabei war auch Jenny Schreyer.
Zuletzt nahmen Harzer IB‘ler an einer Störaktion gegen den Wahlkampfauftritt von Angela Merkel in Quedlinurg teil und auch bei der AfD-Kundgebung am 12. September in Magdeburg mit Alexander Gauland und Björn Höcke fehlte IBH nicht.


Mathias Plachy mit „Blut und Ehre“-Tattoo beim IB-Aufmarsch am 17. Juni 2017 in Berlin (Grafik: Theo Schneider)

Nazis welcome

Bei der „Identitären Bewegung“ handelt es sich quasi um eine, wenn auch in eigenen Kreisen nicht ganz unumstrittene, Aktionsform der rechten Szene. Subkulturelles Äußeres, was bei Außenstehenden ungewünschte Assoziationen zur rechten Szene wecken könnte und plakative Bezüge zum Nationalsozialismus werden vermieden. Mit überregional und sogar länderübergreifendem einheitlichem Design und erstmal unbelasteten Symbolen wie dem Lambda versuchen „Identitäre“ ein einheitliches Außenbild zu schaffen. Teile der alten Ideologie werden durch Verwendung anderer Begriffe und Formulierungen als neu verkauft, manche Ideologieteile aber auch einfach nicht thematisiert und in der Propaganda weggelassen. Entsprechend sind die IB-Akteur*innen zum großen Teil ehemalige Mitglieder von freien Kameradschaften oder, wie zum Beispiel im Fall der IB Harz, der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“.

Der Harzer IB-Ableger gibt sich jedoch besonders wenig Mühe, seine Verankerung in der Neonaziszene zu verbergen. So nahmen die Neofaschisten Oliver Stallmann und Michael Machner Ende Oktober 2015 an einem Naziaufmarsch der neonazistischen Kleinstpartei „Die Rechte“ in Halberstadt Teil, ungefähr zwei Monate nachdem die Gruppe „Identitäre Bewegung Harz“ gegründet worden war. Auf den IBH-Kundgebungen, bei denen Stallmann als Anmelder fungierte, wurde beispielsweise auch Emanuel R., ein alter Kamerad von Stallmann aus der „Wernigeröder Aktionsfront“ und verurteilter Gewalttäter, als Ordner eingesetzt.
Beim IB-Aufmarsch am 17. Juni 2017 in Berlin fiel Neonazi und IBH-Mitglied Mathias Plachy besonders durch sein „Blut und Ehre“-Tattoo im Nacken auf. Die Parole, die unter anderem von der Hitlerjugend verwendet wurde, steht in Deutschland als „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ unter Strafe.


Michael Schäfer bei 1%-Veranstaltung am 13.09.2017 in Lauchhammer

JN-BuVO als Bindeglied zwischen IB, AfD und bekennenden Faschisten

Um Michael Schäfer, den Kopf des ehemaligen JN-Ablegers in Wernigerode, war es für eine Zeit lang still geworden. Bei der Neuwahl des Kreistages für den Harzkreis und des Stadtrates in Wernigerode im Mai 2014 trat Schäfer nicht mehr an. Zu diesem Zeitpunkt war der ehemalige Bundesvorsitzende der NPD-Jugendorganisation JN als Mitarbeiter der NPD-Langtagsfraktion in Sachsen angestellt und lebte deshalb in Dresden. Zudem zeichnete sich der Zerfall der NPD- und JN-Strukturen in Sachsen-Anhalt ab. Bei den Landtagswahlen Ende August 2014 verlor die NPD alle Sitze und Schäfer damit seinen Bürojob. Kurze Zeit später verschwanden alle Hinweise auf Schäfer von der JN-Webseite , ein Jahr später gab er an, kein „Mitglied einer politischen Partei oder Organisation“ mehr zu sein.

Nachdem Schäfer ungefähr zwei Jahre nicht zu sehen war, schien es erst so, als wolle er öffentlich Abstand zu IBH halten, die von seinen alten JN-Kamerad*innen gegründet worden war. Bei einer der letzten Grablichtaktionen im April 2016 in Wernigerode zeigte sich Schäfer zwar vor der Kundgebung den anwesenden Journalist*innen, zog sich angesichts dieser aber zurück und nahm nicht an der Versammlung teil.
Jedoch wohnte Schäfer nach dem Verlust seiner Stelle bei der NPD-Landtagsfraktion weiterhin in Dresden, nicht weit entfernt vom „Ein Prozent“-Büro, das im Februar 2016 offiziell eröffent wurde. Nachdem bekannt wurde, dass Schäfers Kamerad und ehemaliger JN-Vize-Bundesvorsitzender Julian Monaco als Mitarbeiter für „Ein Prozent“ tätig ist, dauerte es auch nicht mehr lange, bis der Ex-Wernigeröder wieder auftauchte. Im April reiste er zusammen mit Philipp Stein nach Rom zu einem Kongress von „Blocco Studentesco“, der Jugendorganisation der sich selbst als „Faschisten des dritten Jahrtausends“ bezeichnenden Gruppe und Partei „Casa Pound“. Stein nahm als Kopf seines Verlags „Jungeuropa“, mit dem er Schriften verschiedener europäischer Faschisten neu verlegt, auf dem Podium Platz. Schäfer nahm zusammen mit seinem „Bundesbruder“ bei der „Halle-Leobener Burschenschaft Germania“ Philipp Thaler (auch Mitglied bei „Kontrakultur Halle“) und Martin Bader (zu dem Zeitpunkt „Praktikant“ bei „Ein Prozent“), die ebenfalls mitgereist waren, Platz. Außerdem war der AfD-Mitarbeiter im Landtag von Sachsen-Anhalt John Hoewer mit in Rom, der ebenfalls schon als Redner für „Ein Prozent“ auftrat und sich bei der Veranstaltung im Hintergrund hielt.


Michael Schäfer und Philipp Thaler („Kontrakultur Halle“) bei Casa Pound in Rom

Bei der inoffziellen Eröffnungsfeier des IB-Hauses in Halle anlässlich der antifaschistischen Demonstration gegen das Projekt, zeigte sich Schäfer nach langer Tätigkeit im Hintergrund dann bewusst inmitten der angereisten Faschisten.* Auf einer „Ein Prozent“-Veranstaltung zur Wahlbeobachtung am 13.09.2017 in Lauchhammer trat er als Redner auf. In einem Video nach der Wahl aus dem „Ein Prozent“-Büro in Halle (das sich im Kontrakultur-Haus befindet) bezeichnet Philipp Stein Schäfer als „Kopf der Unternehmung“ und meint damit die von dem Verein initiierte Wahlbeobachtungskampagne. Mit dieser Kampagne bindet „Ein Prozent“ viele Sympathisanten, suggeriert, dass in Deutschland massenhaft Wahlfälschungen stattfinden und versucht sich gleichzeitig als Schützer der Demokratie zu präsentieren.

Zusammenarbeit mit der AfD

Dass die AfD mit der „Identitären Bewegung“ zusammenarbeitet und es personelle Überschneidungen zwischen IB und AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ gibt, ist kein Geheimnis. Darüber konnten auch vermeintliche Distanzierungen nicht hinwegtäuschen. Beispielsweise unterstützt der AfD-Abgeordnete Hans-Thomas Tillschneider die Gruppe „Kontrakultur Halle“ offen. Zuletzt verkündete er, ein Abgeordnetenbüro im „Kontrakultur“-Haus in Halle zu unterhalten. In Magdeburg holte die AfD bei der Kundgebung sogar IB-Mitglieder auf die Bühne, nach der Landtagswahl ließ sich die AfD-Fraktion von IB-Faschisten einen Imagefilm anfertigen.


Philipp Otto, Michele Kurth und Mathias Plachy bei AfD-Versammlung am 12.09.2017 in Magdeburg. Plachy dabei stilsicher in „Thor Steinar“-Jacke (Foto: Robert Fietzke)

Auch im Harzkreis arbeitet die AfD mit den „Identitären“ zusammen. Schon beim Wahlkampf zur Landtagswahl 2016 waren IB-Mitglieder als Helfer mit von der Partie. Sie sind auch regelmäßige Teilnehmer bei AfD-„Stammtischen“ und Informationsabenden von Landtagsabgeordneten. Bei einer Wahlkampfkundgebung der AfD am 31. August 2017 waren IB-Harz-Mitglieder als eine Art Aufpasser vor Ort und hielten Ausschau nach politischen Gegner*innen.
Zuletzt waren die Harzer „Identitären“ bei der AfD-Kundgebung vor der Bundestagswahl am 12. September 2017 in Magdeburg, wie auch schon bei vorhergehenden Veranstaltungen dieser Art, mit dabei.

Alles Faschisten, Digger!

Die Vernetzung und Zusammenarbeit der Akteure im Spektrum der sogenannten Neuen Rechten geht munter weiter. Dabei spielen Burschenschaften ebenfalls eine wichtige Rolle. Neonazikader mit ihrer aktivistischen Erfahrung werden gebraucht und integriert, eine Grenze zwischen der sogenannten Neuen Rechten und der „alten Rechten“ ist kaum noch erkennbar. Mittlerweile bleibt der gesellschaftliche Aufschrei auch aus, wenn bekannte Neonazikader wie Michael Schäfer für das neue rechte Netzwerk öffentlich aktiv werden. Auch in der AfD kann kaum noch eine Personalie oder Äußerung wesentliche Teile der Gesellschaft schocken. Die Verbindung zwischen „Institut für Staatspolitik“, IB, „Ein Prozent“ und Neonazikadern sowie AfD und Burschenschaften wird immer enger. Es scheint so, als sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis Akteure in diesem Netzwerk die historischen Verbrechen des Faschismus offen relativieren, um sich anschließend selbst zum Faschismus zu bekennen.

*Ergänzung:
Auch schon davor trat Schäfer im Zusammenhang mit „Ein Prozent“ öffentlich in Erscheinung. Er nahm schon am 16.10.2016 („zweiter PEGIDA-Geburtstag“) zusammen mit Philipp Stein an der Kundgebung des rechten Bündnisses teil. Es folgte die Teilnahme an verschiedenen PEGIDA/AfD-Veranstaltungen. So war er beispielsweise am 17.7.2017, als diverse rechte Gruppierungen, darunter die AfD, gegen einen Auftritt von Heiko Maas protestierten und bei PEGIDA am 24.7.2017 zu sehen.

„Identitäre Bewegung Harz“ – Eine neue rechte Gruppierung im Harz?

Seit einigen Monaten taucht im Harz, vor allem in Wernigerode, immer wieder ein auf den ersten Blick unscheinbares Symbol auf: ein Kreis mit dem griechischen Buchstaben Lambda in den Farben schwarz und gelb. Zunächst fand sich das Symbol auf Stickern und dann bei den regelmäßig sonntäglich stattfindenden Veranstaltungen in Wernigerode. Dahinter steckt eine Gruppe, die sich als Teil der „Identitären Bewegung“ (IB) bezeichnet.


Jan Schmidt (AfD, MdL) als Redner am 03.04.2016 bei „Grablichtaktion“ der „IB Harz“ in Wernigerode (Foto: Mario Bialek)

Die IB gründete sich in Deutschland im Jahr 2012 und beruft sich auf die aus Frankreich stammende Bewegung „Génération identitaire“. Die „Identitären“ vertreten ethnoplurlistische Vorstellungen, das heißt, sie behaupten, alle Ethnien und Kulturen zu achten und zu akzeptieren. Die Vielfalt der Kulturen aber würde nur erhalten bleiben, wenn diese sich nicht vermischten und alle Angehörigen einer Ethnie das Gebiet bewohnten, das historisch das „ihre“ sei. Konkret bedeutet das, dass die Anhänger*innen der „Identitären Bewegung“ multikulturelle Gesellschaften zutiefst verabscheuen und sich vehement gegen jegliche Form der Einwanderung aussprechen. Dies tun sie mit drastischen Worten: Sie behaupten, dass von Poltiker*innen, Unternehmer*innen und Journalist*innen ein Austausch der Bevölkerung geplant und aktiv betrieben würde.
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Neonazis stählen sich ungestört in Blankenburger Boxverein

In der Boxsportabteilung der lokalen Sportgemeinschaft „Stahl Blankenburg“ wurden schon zu DDR-Zeiten junge Sportler trainiert und gefördert. Seitdem konnte der Verein immer mal wieder beachtliche sportliche Erfolge seiner Mitglieder verzeichnen. Neben dem Training an vier Wochentagen finden in der Boxhalle in der Hasselfelder Straße regelmäßig Sportveranstaltungen an Samstagnachmittagen statt. Unter dem Motto „Boxen statt Gewalt“ sind Zuschauer eingeladen, Aktive des Vereins im sportlichen Zweikampf zu erleben.


Marc Kluge am 15.12.2012 in Blankenburg1

Die Kehrseite ist, dass bei Stahl seit geraumer Zeit aktive Neonazis trainieren und zu offiziellen Kämpfen antreten. Die „Sportsfreunde“ Marc Kluge und Michele Kurth sind Neonazis, die aus ihrer Gesinnung keinen Hehl machen. Letzterer ist seit mehreren Jahren bei den sogenannten „Jungen Nationaldemokraten“ (JN), der Jugendorganisation der NPD, aktiv und war in der Vergangenheit bei vielen rechten Demonstrationen und anderen Neonaziaktionen anzutreffen. Kluge betätigte sich ebenfalls in JN-Strukturen um Michael Schäfer und ist in der rechten Szene kein Unbekannter.


Michele Kurth (rechts) am 27.10.2012 beim JN-“Bundeskongress“ in Kirchheim2

Michele Kurth (24) war zuletzt fahneschwingend bei einer NPD-Kundgebung „gegen Ausländergewalt“ am 25.05.2013 in Goslar zu sehen. Seinen letzten Boxkampf in Blankenburg bestritt er am 11. Mai 2013. Einige Wochen davor – am 6. März 2013 – fiel er durch das Verteilen der NPD-Schulhof-CD in Halberstadt auf. Die mittlerweile indizierte CD ließ sich aber nur schwer unter die Leute bringen. Anfang des Jahres, am 12. Januar 2013, nahm Kurth, der bei einem wernigeröder Metallverarbeitungsbetrieb arbeitet, am „Trauermarsch“ der Neonaziszene in Magdeburg teil.3 Auch im Vorjahr (am 14.01.2012) war er bereits auf dem alljährlichen, bundesweiten Aufmarsch von Neonazis durch Magdeburg anwesend. Neben der Beteiligung am JN-Bundeskongress am 27. Oktober 2012 in Kirchheim stand er am 21.04.2012 für die NPD in Quedlinburg auf dem Marktplatz. Dass solche Veranstaltungen gefährlich für Andersdenkende werden können, zeigte u.a. ein rechter Aufmarsch am 14. Mai 2011 in Berlin, als Neonazis unter dem Motto „Wahrheit macht frei“ im ihnen verhassten Stadtteil Kreuzberg demonstrieren wollten und mehrere friedliche Gegendemonstranten verletzten. Unter den Teilnehmern des Aufmarschs war auch Michele Kurth.


Kluge am 12.01.2013 in Magdeburg4

Marc Kluge ist ebenso langjähriger Neonaziaktivist. Neben der Teilnahme an zahlreichen Aufmärschen, zuletzt auch am 12. Januar 2013 in Magdeburg, war er für den „Selbstschutz Sachsen-Anhalt“ tätig. Diese Gruppe, gegründet von einer Kameradschaft aus der Altmark, war u.A. auch für den Schutz von neonazistischen Kundgebungen und Demonstrationen zuständig. Außerdem trat Kluge 2007 für die NPD bei den Kreistagswahlen an. Im Jahr 2009 fiel er durch Querfrontaktivitäten mit der Gruppe „Sozialrevolutionäre Aktion Mitte (SAM)“, bestehend aus 8-10 Neonazis aus Sachsen-Anhalt, auf. Die Mitglieder versuchten teilweise an linken Demonstrationen teilzunehmen, um für ein „freies, souveränes und sozialistisches Deutschland“ zu werben. Für diese Mischung aus linker Symbolik, Texten von Lenin, Che Guevara, Ulrike Meinhof etc. und Vertretern des Nationalsozialismus und -bolschewismus ließen sich aber kaum Leute begeistern, sodass die „SAM“ ihre Aktivitäten bald einstellte.
Zuletzt trat der 29-Jährige am 25. Mai 2013 in Nienhagen beim internationalen Neonazikonzert „Skinhead Party“ als Ordner auf. Einer entsprechenden Veranstaltung im Vorjahr wohnte Kluge schon in gleicher Funktion bei. Die Rückseite seines roten T-Shirts zierte der Schriftzug „Frontline Fighter“, darunter eine Handgranate, daneben die Anfangsbuchstaben „H“ und „P“ für „Honour and Pride“,


Marc Kluge als Ordner am 26.05.2012 in Nienhagen5

Natürlich kann es ein Ansatz sein, Jugendlichen durch den Sport neue Perspektiven zu eröffnen. Sportliche Konzepte wie „Boxen gegen Gewalt“, die darauf abzielen, junge Menschen über den Sport zu verbinden, funktionieren jedoch nicht mit ideologisch gefestigten Neonazis, zu denen Michele Kurth und Marc Kluge gezählt werden müssen. Von ihnen werden solche Konzepte stattdessen als eine weitere Rekrutierungsmöglichkeit angesehen, um neue Aktivisten zu gewinnen und diese in rechte Strukturen einzuführen. Erfolgt bei Mitarbeit bekannter Neonazis keine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Ideologie, kann dies auch als Einladung an Gleichgesinnte verstanden werden und für weiteren Zulauf sorgen. So nahmen am letzten Boxturnier am 11.03.2013 neben Kurth und Kluge auch weitere bekannte Neonazis als Besucher teil.

Es wurde bereits versucht, mit dem Verein Kontakt aufzunehmen, um über die Aktivitäten von Kurth und Kluge zu informieren. Eine E-Mail mit entsprechendem Inhalt wurde auch zur Kenntnis genommen. Jedoch steht eine Stellungnahme derweilen noch aus und wird bei Erhalt an dieser Stelle veröffentlicht.


Bildquellen:
1: Webseite der Boxclubheros Salzgitter
2: Recherche Nord
3: Michele Kurth am 12.01.2013 in Magdeburg (Foto von Christian Jäger)
4: User bildergalerielinks2 bei Imgur
5: Nienhagen rechtsrockfrei